Aktuelles „Ich würde alle Schulen zu bewegten Schulen machen.“

Prof. Dr. phil. Ansgar Thiel ist als Rektor der Deutschen Sporthochschule in Köln einer der wichtigsten Sportwissenschaftler des Landes. Wir trafen den 1963 in Laupheim (Baden-Württemberg) geborenen Schwaben Mitte November beim SPORT VERNETZT Wissenschaftssummit, den ALBA BERLIN im November ausrichtete. Im Anschluss daran verabredeten wir uns mit dem 62-Jährigen zu einem Interview über Bewegung und Sport, das jetzt auf der Website der Bewegungsinitiative zu lesen ist. Hier gibt's einen Ausschnitt daraus.

Interview 1. Teil

Ansgar Thiel, wie bewegt ist unsere Gesellschaft derzeit im Vergleich zu früher?

Der Unterschied im Vergleich zu vor 20, 30 Jahren ist die Entwicklung des Internets, der mobilen und sozialen Medien. Die größte Veränderung war, dass wir uns jetzt ganz mobil, nicht mehr nur stationär gekoppelt, auch die Welt des Internets erschließen können. Das hat zu einer dramatischen Veränderung von Kommunikations- und sozialen Interaktionsformen geführt, die uns vielleicht auf den ersten Blick gar nicht auffallen. Kommunikation insbesondere bei Heranwachsenden, findet mittels mobiler Medien jetzt zum großen Teil im Internet statt. Sie schicken sich Kurzvideos, spielen gemeinsam Videospiele, produzieren sich selbst auf TikTok oder Instagram und diskutieren darüber. Das Problem: sie sind dabei erstens an einen Bildschirm gefesselt und die Möglichkeit der Bewegung wird extrem eingeschränkt. Zweitens sehen sie bei der digitalen Kommunikation nur Ausschnitte des anderen, die Körpersprache ist extrem auf Mimik reduziert. Drittens individualisieren sie Kommunikation auf der zeitlichen Ebene: sie schauen die Nachrichten der anderen an, wenn es ihnen zeitlich passt, antworten, wenn es ihnen zeitlich passt, ein direktes Aufeinander-Reagieren findet hier deutlich seltener statt.

Das hat tiefgreifende Auswirkungen.

Die Folgen sind: Da Menschen biologisch und psychologisch auf Bewegung angewiesen sind, führt Bewegungsmangel in unterschiedlichsten Zusammenhängen zu Mangelerscheinungen. Und weil Menschen eigentlich darauf geeicht sind, im sozialen Miteinander einander zeitlich synchron Aufmerksamkeit zu schenken und ganzheitlich, also auch mit Körpersprache und in Präsenz, miteinander zu kommunizieren, nimmt die Fähigkeit ab, Emotionen anderer zuverlässig zu lesen und soziale Interaktion wird mental anstrengender und emotional weniger tragfähig.

Wie kann man dem Begegnen?

Solche evolutionären Schritte lassen sich nicht zurückdrehen. Wir müssen lernen damit umzugehen. Sport und Bewegung können hier aber als Kompensation dienen. D.h. aber, wir müssen viel mehr darauf schauen, wie wir „bewegte soziale Interaktionen“ in Präsenz schaffen. Noch mal: Wir sind biologisch darauf angewiesen, sonst werden wir krank. Wir können uns dann nicht mehr so entfalten wie gewohnt und kosten die Gesellschaft am Ende auch Geld. Die Kompensation der durch die Digitalisierung der Welt erzeugten biopsychosozialen Verluste durch den Sport hat also höchste gesellschaftliche Relevanz. Dadurch hat Sport eine ganz andere Wichtigkeit, ist nicht mehr nur Wettkampf und Zusammenkommen. Die früheren Sekundärfunktionen, wie Gesunderhaltung, soziale Integration oder psychisches Wohlbefinden werden plötzlich zu Primärfunktionen von sportlicher Aktivität. 

Interview-Fortsetzung

Was muss aus deiner Sicht passieren, um die eindimensionale Sicht auf Sport zu verändern?

Wir müssen in die Schulen rein! Wir müssen Schulen als Plattformen sehen, in denen Bewegung einen wichtigeren Stellenwert erhält. Bisher läuft die Diskussion über Bewegung in Schulen meist nur über den Sportunterricht. Wir müssen den Sportunterricht und die Bewegung anders denken. Sportunterricht, als Ansatzpunkt Nummer eins, müssen wir als ein Bildungsfach sehen, bei dem das Verständnis von Sport und Bewegung in seinen (physiologischen, anatomischen, sozialen, psychologischen) Grundlagen vermittelt wird. Wir müssen auch den Heranwachsenden (auch den sportfernen) erstens vermitteln, wo sie Sport treiben können, z.B. in Schule und/oder im Verein. Wir müssen ihnen zweitens vermitteln, wie sie ihre Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Gedächtnisfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit verbessern können. Das muss auf unterschiedlichen Ebenen, für unterschiedliche Altersstufen heruntergebrochen werden. Wir müssen drittens den Ministerien und auch den Eltern klar machen, welches Potential im Sportunterricht steckt. Ansatzpunkt Nummer zwei ist Bewegungsförderung: Ich würde alle Schulen zu bewegten Schulen machen. Die Zeitstruktur des Schulunterrichts muss angesichts der typischen Formen von Wissensaneignung junger Menschen in einer digitalisierten Welt, so verändert werden, dass auf die Bedürfnisse der Einzelperson ausgerichtetes, effizientes und schnelleres Lernen möglich ist. Hier kann Bewegung in kurze Lernpausen und ins Nachmittagsprogramm integriert werden. Einerseits muss Bewegung also in Lernprozesse eingebaut werden, andererseits müssen außerhalb des Schulunterrichts in der Schule Bewegungsgelegenheiten geschaffen werden, bei denen die durch Digitalisierung erzeugten biologischen, psychischen und sozialen Bewegungsmangelfolgen kompensiert werden. 

Du hattest vorhin schon gesagt, dass mehr an den Schulen passieren muss. Das sehen wir bei SPORT VERNETZT ja ganz genauso. Gibt es etwas, was dir bei diesem Ansatz fehlt?

Erst einmal finde ich den Ansatz extrem relevant. Ich denke allerdings, andere haben das auch schon gesagt, man muss aufpassen, dass der Sport, die sportliche Betreuung, nicht deprofessionalisiert wird. Man braucht für eine gute sportliche Betreuung auch eine pädagogisch-didaktische Expertise. Es ist nicht vorausgesetzt, dass die jeder Übungsleiter in der Form hat, wie man sie für die Schule braucht. Wenn du Leute bilden willst, brauchst du Professionalität. Dies gilt besonders für die Vermittlung von biologischem, psychologischem, sozialem und physikalischem Wissen über den Sport. Die systematische Verbindung zu Universitäten, wie sie ja bei SPORT VERNETZT schon angelegt ist, ist wichtig. Wichtig ist auch, dann gemeinsam aus einem Mund zu sprechen. Wir brauchen niederschwellige Sportangebote. Wir brauchen Vernetzung innerhalb der Sozialmilieus, aber wir brauchen auch die Unis, die das dann begleiten und Erfahrungen systematisch aufbereiten und weiterentwickeln.